Verantwortung übernehmen ist schwer – Verantwortung abgeben umso mehr!

Verantwortung KinderIn der Kindererziehung geht es immer wieder um die schwierige Frage, wie viel Verantwortung wir unseren Kindern übergeben können und auch sollen.

Selbst das Abstützen auf Regeln, die nach dem Alter des Kindes gehen, scheinen mir zu kurz zu greifen, da manche Kinder sehr früh viel Selbst-Verantwortung übernehmen können und auch wollen.

Andere Kinder können dies im selben Alter noch gar nicht, wieder andere wollen einfach nicht können.

Dieser Artikel soll aufzeigen, dass es letztlich um ein ständiges Aushandeln zwischen Grenzen setzen und Freiheiten geben geht. Und dass es unabdingbar ist, dass wir Eltern lernen mehr Verantwortung abzugeben.

Eine Herausforderung für die Eltern!

Haben Sie auch schon einmal beobachtet, dass viele Erwachsene (z.B. als Nachbar, Lehrperson, Patin, Onkel, …) fremden Kinder mehr zutrauen und mehr Verantwortung übergeben als den eigenen?

Ja, genau. Und was zeigt uns das? Es beweist, dass es bei den Themen Loslassen und Vertrauen nicht unbedingt um das Kind selber geht und dessen Fähigkeiten.

Es hat auch nicht unbedingt etwas mit mangelndem Vertrauen in unsere eigenen Kinder zu tun, sondern mit unserer Rolle und unseren Aufgaben als Eltern!

Wie das? Mit der Geburt eines Kindes werden wir zwangsläufig in eine neue Rolle gedrückt, und es wird zu unserer Aufgabe, zunächst die vollständige Verantwortung für dieses neue Wesen zu übernehmen.

Sara Michalik
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Erziehung ist mehr als eine Verhaltensmodifikation!

Frischgebackene Eltern spüren unweigerlich, wie stark dieses Kindlein sie braucht und an sich bindet, und dass sie ab diesem Zeitpunkt für immer verantwortlich für das Kind sein werden.

Diese Aufgaben (Verantwortung übernehmen, Bindung herstellen) stellen sich also von selbst ein und sind unvermeidbar. Was man hingegen wieder lernen muss ist: Loslassen!

Verantwortung II

Man denkt man sei stark, wenn man festhält. Loslassen ist jedoch die wahre Stärke!

(Autor unbekannt)

Wie kann uns das gelingen?

Vielleicht geht es darum, dass Verantwortung übernehmen und Verantwortung abgeben nicht zwei Prozesse sind, die nacheinander oder sich gegenseitig ausschliessend erfolgen, sondern dass es zu einem ständigen Aushandeln von Abgeben und Übernehmen kommt.

Wichtig dabei ist aber, dass wir unser Kind sensibel wahrnehmen und darauf vertrauen, dass es seinen Weg machen wird. Um dies deutlicher zu machen, möchte ich hier ein paar Beobachtungen und Erfahrungen aufzeigen:

  • Das Baby: Die Individualität des Kindes und seine Selbstbestimmung zeigen sich ab der Geburt! Sie würden sich wünschen, dass das Baby den Nuggi nimmt, damit es sich besser beruhigen kann und erleben, dass das Kindlein diesen verabscheut.
    Das eine Baby ist aktiver und braucht weniger Schlaf, das andere braucht viel Ruhe und Schlaf. Kinder zeigen uns ab Geburt, dass sie eigenständige Geschöpfe sind. Und früher und heftiger als uns oft lieb ist, zeigen sie lautstark, was sie wollen und was nicht. „Nein“ ist bei vielen das erste Wort!
    Wir können das als Widerstand und anstrengend erleben. Wir können uns gleichzeitig aber auch über diese Einzigartigkeit und den starken Willen unserer Kinder freuen. Und wir können Kinder schon früh in Entscheidungen miteinbeziehen.
    Eltern beschreiben sehr eindrücklich, dass Kinder grosse Entwicklungsschritte praktisch auf einen Schlag machen, wenn sie wirklich bereit dazu sind. Unser Sohn entschied mit 25 Monaten von einem Tag auf den anderen, dass er jetzt keine Windeln mehr brauche und lieber Bob der Baumann–Unterhosen tragen möchte. Ab diesem Moment war er trocken. Kennen Sie solche Beispiele?
  • Das Trotzalter: Spätestens mit dem sogenannten Trotzalter werden wir so richtig gefordert. Das Kind will möglichst alles selber machen, selbst Dinge, die es aufgrund seiner Grösse oder Kraft gar nicht kann.
    Umso wichtiger wird es jetzt, dass wir es auch mitentscheiden lassen. Da wir erleben, dass trotzende Kinder oft genau das nicht möchten, was wir wollen, kann es sehr hilfreich sein, wenn wir dem Kind mehrere Möglichkeiten anbieten: „Möchtest du die rote oder die weisse Hose anziehen?“ So entscheidet das Kind, wir bieten aber den Rahmen.
    Was wenn das nicht klappt? Z.B. nur die kurze Hose in Frage kommt? Warum nicht so: „Die kurze Hose, nein, da würde ich dir abraten, es ist sehr kalt draussen, da wirst du sicher frieren.“ Das Kind möchte trotzdem die kurze Hose?
    Warum also nicht bei einem solchen Thema die Entscheidung dem Kind überlassen, damit es lernen kann, dass Entscheidungen Konsequenzen haben, die es selber tragen muss? (Natürlich sollte es nie um existentielle Konsequenzen gehen).

Nur wer (mit)entscheiden kann, lernt, dass Entscheidungen Konsequenzen haben.

Und nur wer auch entscheiden darf, muss auch lernen, dass die Konsequenzen auch selber getragen werden müssen.

  • Das erfolgreiche Kind: Wie mit den Konsequenzen verhält es sich übrigens genauso mit den Erfolgen. Wie soll ein Kind stolz sein auf seine Leistung, wenn es der Meinung ist, es hat nur das gemacht oder erreicht, was die Eltern von ihm wollten?
    Ich kann erst dann wirklich stolz sein, wenn der Erfolg wirklich mir zuzuschreiben ist. Und diese Erfolge können noch so klein sein: Selbständiger Eierkauf gemeistert, einen neuen Weg alleine gelaufen, sich erfolgreich gewehrt gegen einen Peiniger, … (Lesen Sie dazu den Artikel Erfolgreiche Kinder)  
    Verantwortung I

Wenn ich Verantwortung für etwas erhalte und dabei die Aufgabe erfolgreich meistere, ist es mein Erfolg. Das macht mich stolz. Das fördert das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein.

Eltern als Sklaven Ihrer Kinder

Wir Eltern laufen Gefahr, zu viel Verantwortung für unsere Kinder zu übernehmen. Das macht uns im schlimmsten Fall unfreiwillig und zum Leiden aller zu ihren Sklaven und im besten Fall verübeln wir ihnen damit ihre Erfolge. Lassen Sie mich ein Beispiel machen, dass mir immer wieder begegnet:

  • Das Schulkind: Eltern klagen immer wieder darüber, dass sie am Morgen vor dem Schulbeginn grossen Stress und oft auch Streit mit ihren Kindern hätten, damit diese nicht zu spät in die Schule kommen. Man sollte sich da fragen: Warum haben eigentlich die Eltern den Stress, es geht doch um die Schule der Kinder?
    Die Erklärung: Weil die Eltern die Verantwortung übernehmen, dass die Kinder pünktlich zur Schule kommen – und das oft bis spät in die Jugendjahre. In so einem Fall haben wir Eltern verpasst die Verantwortung unserem Kind abzugeben.
    Es ist nicht ihr Stress (im Gegenteil, die Kinder haben in diesem „Spiel“ die bequemere Rolle!). Es ist aber auch nicht ihr Verdienst pünktlich in die Schule zu kommen. Sie wollen daher nichts verändern und weil es letztendlich immer gut funktioniert bzw. das Kind / der Jugendliche täglich pünktlich kommt, behalten wir solche Muster aufrecht, obwohl wir vielleicht jeden Morgen aufs Neue streiten.

Was würde geschehen, wenn das Kind einmal, zweimal oder vielleicht auch zehnmal zu spät kommt?

Was wäre das Schlimmste, das passieren würde? Was sind unsere Ängste bei solchen Situationen?

Als Therapeutin werde ich immer dann wachsam, wenn ich von Eltern höre, wie gestresst sie sind in einer solchen Situation. Ich frage dann: Warum liegt der Stress bei Ihnen als Mutter oder Vater und nicht bei Ihrem Kind oder Jugendlichen?

Solange der Stress nur bei uns Eltern liegt, haben Kinder keinen Druck und auch keine Motivation oder Einsticht etwas zu verändern.

Ich möchte hier ein weiteres herrliches Beispiel anfügen, das mir einmal eine Mutter berichtet hat:

  • Der Jugendliche: Die Mutter berichtete, dass sie wiederholt ihren pubertierenden Jugendlichen darauf hingewiesen hätte, dass seine dreckige Unterwäsche und Socken nicht unter das Bett sondern in den Wäschekorb gehören würden (kommt das Ihnen auch irgendwie vertraut vor?).
    Alles Bitten, Schimpfen und Drohen habe wenig gebracht. Am Ende sei dennoch wieder sie unter das Bett gekrochen um die Schmutzwäsche erledigen zu können. Bis sie eines Tages den Entscheid gefällt hatte sich diesen Stress nicht mehr anzutun.
    Tatsächlich sah sich der Junge einige Tage später vor dem Problem stehen, dass er nur noch schmutzige Unterwäsche hatte oder als Alternative, die viel zu kleine und kindische Unterwäsche des jüngeren Bruders. Jetzt endlich hatte der Junge den „nötigen Stress“ bzw. Leidensdruck um sein Verhalten zu verändern…

Wir können uns also fragen: Wer will was? Wer ist interessiert etwas zu verändern? Warum? Zu welchem Preis? Solange wir den Stress haben, gibt es beim Kind kein Änderungsbedarf bzw. kein Interesse etwas zu ändern.

Die Kinder / Jugendliche müssen die Folge bzw. Verantwortung für ihr Handeln oder Nichthandeln direkt auch selber erfahren können, sonst können wir nicht erwarten, dass sie verstehen um was es geht!

Lassen Sie mich eine letzte Beobachtung anfügen:

Wir alle können feststellen, dass Eltern spätestens im Jugendalter ihren nachkommenden Kindern mehr Freiraum lassen als ihren Erstgeborenen. Diese dürfen evt. früher in den Ausgang oder bereits länger wegbleiben usw.

Natürlich gibt es da verschiedene Gründe dafür. Meine Hypothese ist, dass das nicht an den Kindern selber liegt, denn die Forschung und Erfahrung zeigt: Die erstgeborenen Kinder sind die verantwortungsbewussten!

Es liegt also nicht am Kind selbst. Nein, es liegt vor allem an den Eltern, denn diese wurden gelassener durch die Erfahrungen und haben gelernt ihren Kindern mehr Verantwortung zu übergeben und zu Vertrauen.

Wir können lernen Verantwortung abzugeben!

Was ich damit sagen möchte, ist, dass wir vor allem an uns selber arbeiten müssen und lernen können, Verantwortung möglichst früh abzugeben. Damit meine ich nicht keine Anteilnahme oder kein Interesse mehr zu zeigen.

Im Gegenteil, es geht von Beginn weg darum, sehr wachsam zu sein (und zu staunen), was unser Kind schon alles kann und dem Kind soviel zuzutrauen, dass es in einem sicheren Rahmen viele eigene Erfahrungen sammeln kann.Verantwortung

Nur wer vertraut und zutraut, kann auch loslassen.

Lesen Sie zum Thema Zutrauen auch den Artikel „Erfolgreiche Kinder“.

Zum Schluss: Zugegeben, in der Theorie klingt dies einfacher als in der Praxis (wie so oft). Und der vorgeschlagene Weg viel abzugeben und zuzulassen, ist oft nicht der einfachste Weg, denn wir müssen uns auf Diskussionen (bereits mit Kleinkindern) einlassen und einiges aushalten.

Hilfreich ist sicherlich, wenn man als Erzieher klar vor Augen hat, wo es Spielraum gibt und wo eben nicht. ABER: es lohnt sich, denn die Diskussionen führen wir irgendwann ja doch und wenn nicht, dann haben wir uns (Kind-Eltern) bald nichts mehr zu sagen.

Ihre
Sara Michalik


PS. Welche Erfahrungen haben Sie mit Verantwortung übernehmen und Verantwortung abgeben gemacht? Haben Sie auch eine persönliche Geschichte zum Thema, die Sie uns mitteilen möchten?


Foto: © Vera Kuttelvaserova – Fotolia.com

 

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  1. […] Damit Lernprozesse und Entwicklungsschritte gemacht werden können, muss gleichzeitig aber auch ein gewisses Mass an Eigenerfahrung unbedingt zugelassen werden (vgl. Artikel Verantwortung übernehmen ist schwer – Verantwortung abgeben umso mehr). […]

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